Regen ist cool - Ein Retentionspark für Altona

Team: TH Treibhaus, Antje Stokman und Heiko Sieker

1. Konnektive Freiraumstruktur Altona
Eine grüne Verbindung vom Altonaer Volkspark bis hinunter an die Elbe: Der neue Park komplettiert ein System aus Freiräumen in Altona, welches einerseits eine neue durchgehende Verbindung der Bahntrasse ermöglicht und gleichzeitig neue West-Ost Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Quartieren rechts und links der Gleise herstellen kann.
Die Nord-Süd-Verbindung ist der städtebaulichen Struktur bereits implementiert und sehr prägend. Durch die gestalterische Intensivierung der Ost-West-Verbindungen soll im vorliegenden Entwurfsvorschlag die Konnektivität des Parks gestärkt und die Anbindungen in die jeweiligen Quartiere erfahrbarer werden. Aus dieser Intention resultiert eine Freiraumstruktur, die aus abwechselnd getakteten Sequenzen von intensiven Bänderungen in Ost-West Richtung und extensiven Freiräumen in Nord-Süd Richtung besteht.
Das Konzept bettet sich nahtlos in die Systematik der existierenden und geplanten Freiräume zwischen dem Volkspark Altona bis hin zur Elbe ein.

In der ersten Phase des Realisierungsteils „Altona Mitte“, in der die innere Grünachse auf dem Gleisfeld noch nicht als Nord-Süd Verbindung zur Verfügung steht, wird eine Nebenachse entlang der Präsident-Krahn-Straße qualifiziert. Die stadträumliche Anbindung des neuen Parks kann dadurch schon frühzeitig und unabhängig von der 2. Phase erfolgen.

2. Gestaltungskonzept
Die räumliche Komposition des Retentionsparks setzt sich aus 3 Hauptelementen zusammen, die technisch und thematisch einem Leitbild folgen: Regen

Retentionstopographie
Eine Muldentopographie definiert den gesamten Parkraum. Es werden Retentionsmulden und eben gelegene Bereiche ausgebildet. Maßgebend für die Topographie sind die Schaffung räumlich gefasster Orte sowie deren gleichzeitige Funktion als Rückhalteraum, sowie die barrierefreie Gestaltung und Zuwegung aller Parkbereiche. In den Mulden werden spezifische Parkelemente wie Sport- und Spielangebote und intensive dezentrale Regenwasserbewirtschaftung kombiniert. Die „Große Wiese“ bietet den entsprechenden Retentionsraum bei Starkregenereignissen. Die höher liegenden Flächen aus Ortbeton, wassergebundener Decke und Schotterflächen sind gleichzeitig die Erschließungsflächen im Park. Die Wasserwege und -prozesse im Park entsprechen denen der Parkbenutzer: Die Ortbetonflächen dienen der Wasserableitung bei Starkregen, Mulden und Senken sind Wassersammelstellen und intensive Spiel- und Aufenthaltsorte zugleich. Der gesamte Grund ist durchlässig und bietet Versickerungsflächen und dezentralen Rückhalt.

Regenwald
Über der Muldentopographie lagert als intensives Ost-West-Band der „Regenwald“. Wälder sind komplexe Ökosysteme, die aufgrund ihrer „Stockwerksstruktur“ eine große biologische Vielfalt ermöglichen, als Wasserspeicher und Klimaregulator dienen. Als künstliche Interpretation der Vielfalt eines „Regenwaldes“ werden „Ökotopschichten“ im räumlichen Gerüst des Bandes überlagert. Im Waldband werden durch die Schichtung der verschiedenen raumbildenden Elemente (Vegetation, Wasser, Ausstattung) differierende Orte und Atmosphären hergestellt. Programmatische Angebote finden jeweils Ihre „Nische“, raumintensive Nutzungen werden in „Lichtungen“ platz finden.

Die Kleiderkasse, der Wasserturm und die ehemalige Halle werden als aktive Relikte in das Waldband eingebunden. Die Kleiderkasse steht in einer Lichtung, ist weiterhin als markantes Gebäude erkennbar und wird durch neue Nutzungen belebt. Im westlichen Bereich des Gebäudes wäre eine Kita-Nutzung denkbar, im östlichen Gebäudeteil, auf der urbanen Seite, die sich dem neuen Eingangsplatz des Parks zuwendet, könnte Gastro-Betrieb stattfinden. Die Bereiche südlich und östlich der Kleiderkasse eignen sich gut als Terrassenbereiche.
Die Bahnhalle wird bis auf die Stahlgrundstruktur zurückgebaut, durch Rankpflanzen und Bäume zu einem faszinierenden Hybrid verwandelt und durch neue bauliche Strukturen (Schirm, Hängematten und Balkone) um Angebote für Schüler und Parknutzer ergänzt. Der denkmalgeschützte Wasserturm wird optional als Wasserspeicher reaktiviert und dient im optimalen Fall zukünftig als Wasserspeicher für die Parkbewässerung.

Regenwiese
Die freie Wiese bildet einen Kontrast zum intensiven Waldband. Wiesen sind offene Biotope, die im Gegensatz zu Wäldern durch die menschliche Nutzung entstehen und Weite, Offenheit und Bewegungsfreiheit assoziieren. Die offene Weite der Wiesenfläche ist wichtiger Bestandteil der Raumkomposition. Die räumliche Großzügigkeit ist wichtig für die Dichte der umgebenden Urbanität und der programmatischen Anforderungen an den Park. Gestalterisch ist das Inszenieren der Kontraste zwischen Dichte und Weite, Kleinteiligkeit und Großzügigkeit, Licht und Schatten, Trockenheit und Nässe die grundlegende Entwurfsidee. Gleichzeitig ist die Wiese der Hauptretetionsbereich bei Extremwetterereignissen.

Allen räumlichen Elementen des Parks ist der Bezug zur Optimierung des lokalen Wasserhaushaltes, sowie die atmosphärische Thematisierung des „Regens“ gemeinsam.

3. Schichten der Raumcodierung
Das räumliche Konzept wird von folgenden Schichten der Raumcodierung und –gestaltung überlagert:

Regenwald (Vegetationskonzept)
Eine pflegeextensive standortgerechte Pflanzenauswahl aus robusten heimischen Arten und Sorten wurde für den Park zusammengestellt. Wie im thematischen Vorbild des Regenwalds wurde in Baumschicht, Strauchschicht, Bodenschicht und Wasserschicht unterschieden jedoch dem Standort entsprechende Arten gewählt. Die bewegte Topographie gibt die Pflanzbereiche und Standorte vor: die unteren „Vegetationsschichten“ bestehen aus aquatischen Pflanzen im Regenrückhaltebecken, Strauch- und Staudenpflanzungen an den Muldenrändern bis hin zu extensiven trockenen Landschaftsrasen und Rasenflächen. Die höchste Schichte des Regenwaldes bildet die Baumschicht aus lichten Gehölzen unterschiedlicher Größe, besonderer Herbstfärbung und Anstauresistenz.

Regenwasserlandschaft (Retentionskonzept)
„Hamburg braucht innovative Maßnahmen, die zugleich den Hochwasserschutz für die Stadt als auch den Schutz des Grundwassers und der Oberflächengewässer gewährleisten. Ein dezentrales Konzept, das Regenwasser dort, wo es anfällt, erfasst und – soweit möglich – an Ort und Stelle durch geeignete Anlagen wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zuführt.“ (Zitat RISA-Projekt)

In Anlehnung an dieses übergreifende Ziel werden drei Kernthemen als Grundlage des Regenwasserkonzepts für den Park Mitte Altona definiert: 1. Überflutungsschutz, 2. Naturnaher Wasserhaushalt, 3. Gewässerschutz. Dabei werden die Rahmen gebenden Angaben der Auslobung im Sinne des Überflutungschutzes ausgeweitet und im Hinblick auf das Ziel eines naturnahen Wasserhaushalts und Gewässerschutzes optimiert. Das Regenwassermanagement wird als integraler, Struktur gebender Bestandteil des Parks eingebunden.

1. Überflutungsschutz: Die Parkgestaltung ist ein gestaffeltes, multifunktionales System aus Mulden und Notwasserwegen, die das Wasser bei Starkregenereignissen geregelt ableiten, aufnehmen und zwischenspeichern. Der Überflutungsschutz wird im Konzept von M&O/Dreiseitl aufgegriffen und in Form der vorgegebenen Retentionsfläche weitgehend berücksichtigt. Die vorgegebene Muldendimensionierung mit einem Volumen von Tn=100a: 2000m3 wird jedoch nach eigener Einschätzung als vermutlich zu klein eingestuft und wurde deshalb größer bemessen. ¬

2. Naturnaher Wasserhaushalt: Um zu vermeiden, dass sämtliches Regenwasser in das Mischwassersiel abfließt, werden offene Filterbecken mit anschließendem Regenrückhaltebecken vorgeschaltet. So werden durch das Regenwasser sichtbare räumliche wie ökologische Qualitäten geschaffen und die Verdunstung erhöht. Im ersten Bauabschnitt bilden zwei Filter- und Rückhaltebecken eine Basis für dieses System. Die Nutzung des ehemaligen Wasserturms als Regenwasserspeicher wird optional angestrebt. Dieser dient im optimalen Fall der Bewässerung des Parks in Trockenzeiten.

3. Gewässerschutz: Eine umfassende Reduktion der Abflüsse durch Dach- und Tiefgaragenbegrünung und Wasserrückhalt in den Freiräumen bewirkt eine Verringerung der Gewässerbelastung. Bei Starkregenereignissen werden Mischwasserüberläufe und Kläranlagen entlasstet. Über Bodenfilter und entsprechende Pflanzungen wird das Wasser darüber hinaus gereinigt.

Bildungslandschaft (v.A. Schulumfeld)
Eine Staffelung von Räumen eröffnet den Schülern im unmittelbaren Umfeld der Schule besondere Spiel-, Erholungs- und Lernräume. Vor der Schule dient die erweiterte Parkpromenade als Ankunfts-/Abholort. Verkehrsströme werden durch geschwindigkeitsreduzierende Oberflächengestaltung und Markierungen gesteuert. Im nahen Vorfeld der Schule liegt in der offenen Struktur des ehemaligen Hallendachs der erweiterte Schulhof.
Der Schulhof dient außerhalb des Schulbetriebs als multifunktionale Bewegungsfläche. Darin eingebettet sind verschiedene Orte:

-„Regenschirm und Regennetz“ im östlichen Bereich der alten Halle wird eine Dachkonstruktion eingehängt, die zu jedem Wetter trockene Aufenthaltmöglichkeiten bietet. Ein großes Hängenetz bietet älteren Kindern Bereiche des „cooleren“ Aufenthalts.

-„Balkone“ – in der alten Hallenstruktur gibt es verschieden große Balkone. Diese können im Sommer teilweise als Klassenräume, aber auch als Rückzugsorte für die Schülercliquen in den Pausen genutzt werden.

Spiellandschaft (Spiel- und Bewegungskonzept)
Die Topographie des Parks bietet Raum für ein weites Spektrum an Bewegungs- und Spielangeboten für alle Altersschichten:

-„Wasserball“ ist ein multifunktionaler Spiel-, Bewegungs-, Aufenthaltsraum. In einer EPDM-Mulde wird ein Kleinspielfeld eingebettet und um weitere überlagernde Sportbereiche erweitert. Die Ränder sind Sitzgelegenheiten. Im Starkregenfall dient die Mulde als temporärer Retentionsraum.

-„Regen ist cool“ ist der zentrale Spielort für Kleinkinder (3-6). Da Kinder auch „schlechtes Wetter“ positiv sehen und sich über jede Pfütze freuen, wird das Thema für den Spielplatz aufgegriffen und ganzjährig erlebbar gemacht. „In Hamburg regnet es immer“: Eine künstliche Wolke spendet in regelmäßigen Abständen spielerisch Regen. „Es regnet Bindfäden“ – an denen sich Turnen und schaukeln lässt! Kinder hüpfen wie Regentropfen auf (Trampolins) auf und ab.

-„Buddelpfütze“ – falls die Realisierung einer Kita in der Kleiderkasse realisierbar ist, bietet es sich an die Regenmulde westlich der Kleiderkasse zur Buddelmulde zu gestalten. Allerdings ist die Programmierung dieses Ortes abhängig von der realen zukünftigen Nutzung und flexibel gestaltbar.

-„Platzregen“ ist der urbane Eingangs- und Gelenks-Platz des Parks zur Harkortstrasse. Hier wird mit dem gereinigten Wasser des Regewasserbeckens ein Wasserspiel inszeniert.

-„Große Wiese – Sammelsurium“
Im Kontrast zur Kleinteiligkeit des Waldes bietet die Großzügigkeit der offenen Wiese Angebote zum freien Spielen.

Beteiligungslandschaft
Die vorstrukturierten Bürgerideen wurden einem mehrschichtigen Filter- und Wandlungsprozess unterzogen. Zum einen wurden die Ideen nach „Flächenerfordernissen und Charakter“ sortiert und zum anderen einem „thematischen Filter“ unterzogen, der die einzelnen Bürgerideen mit der verbindenden Idee des Parks zusammenbringt. Es erfolgte eine Verortung der detaillierten Wünsche in den eher offenen Bereich der Wiese und dem eher kleinteiligen, spezifischen Bereich des Regenwaldes. Schon bei der Wahl der Grundeinheiten wurde versucht auch die atmosphärischen Wünsche der BürgerInnen aufzugreifen (wenig befestigte Flächen, Brachflächencharakter, offene Wiesen, Nischen, Naturgewässer etc.).
Wichtig: Die Beteiligung ist nicht vorbei! Der Beteiligungsprozess sollte nicht als abgeschlossen begriffen werden, denn die direkten unmittelbaren Anwohner sind noch nicht da – sie ziehen erst mit der Errichtung der angrenzenden Wohnbebauung ein. Um auch diesen unmittelbar „betroffenen“ Bürgern eine Mitsprache und weiterhin den Austausch mit der Bevölkerung zu ermöglichen, sollte die Beteiligung fortgesetzt werden. Das Konzept des Retentionspark kann weiterhin flexibel angepasst, und die inhaltliche „Befüllung“ der Mulden kann auf zukünftige Entwicklungen sowohl während der Planungsphase als auch nach der Errichtung reagieren.