Rostock Stadthafen und Bussebart, Ideenwettbewerb, 2.Preis

Erläuterungstext
Theater an der Hafenbühne
Das Kernziel dieser Arbeit ist, den historischen Innenstadtkern Rostocks zu vervollständigen.
Zugunsten eines Ausbaus des Stadtwalls als großzügigen Freiraum um den historischen
Stadtkern herum wird das urbane Gewebe der westlichen Innenstadt bis zur ehemaligen
Stadtbefestigung komplettiert.

Als Theaterstandort wird folglich der Bussebart, nämlich die Bus- und PKW-Stellplatzfläche im Norden an der Einmündung Warnowufer/Am Kanonsberg gewählt.

Ohne in bestehende Gebäudesubstanz eingreifen zu müssen, bietet sich hier die Möglichkeit
den Theaterbau (in den Abmessungen der Baukörpervariante 1) in die erste Reihe ans Ufer der Unterwarnow zu platzieren. Hier ist der zukünftige Theaterbau von seinen Nachbargebäuden ausreichend distanziert, hervorragend erschlossen, fügt sich nahtlos in das städtische Gefüge und komplettiert das Stadtbild und die Stadtsilhouette.

Sowohl der Christinenhafen als auch der Haedgehafen bleiben damit von Hochbauten befreit
und der Stadtbevölkerung und ihren Gästen als intensiver Freiraum uneingeschränkt erhalten. Alle Veranstaltungen, die auf dem Hafenareal stattfinden, können somit auch weiterhin hier stattfinden und weiter die Anziehungskraft von Rostock ausmachen und ausbauen.

Vor dem Hintergrund einer sensiblen und behutsamen Stadtreparatur, insbesondere mit dem
Ziel eine in der Bevölkerung und Anwohnerschaft akzeptable Erneuerung zu bewerkstelligen,
beschränkt sich der Entwurf bewusst auf die hochbauliche Besetzung von Brachflächen und
Flächen, die bisher dem stehenden Verkehr gewidmet sind. So wird neben und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Theaterneubau eine städtebauliche Arrondierung vorgeschlagen. Entlang der Straße am Kanonsberg entsteht ein neues Quartier mit vielfältigen Angeboten und urbanen Nutzungen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung formulierter Stadtentwicklungsziele zur
Qualifizierung und Vernetzung der öffentlichen Freiräume. Im Innenstadtkern wird das System von Gassen und Plätzen ergänzt und vervollständigt. Alle freiräumlichen Querachsen, die die Stadtstruktur über die Kröpeliner Straße über die Lange Straße bis zum Warnowufer verbinden können, werden durch städtebauliche Setzungen und neue Freiraumachsen betont. Sowohl an der Ost- als auch an der Westfassade des Theaterneubaus entstehen Vorplatzsituationen, die sich wie selbstverständlich in die städtischen Freiräume integrieren. Von beiden Vorplätzen aus ermöglichen großzügige (über Lichtsignalanlagen geregelt) Übergänge die Verknüpfung des Theaters mit dem Hafenareal, der neuen Hafenbühne.

Theaterneubau
Das Theater wird, entsprechend der städtebaulichen Kernidee die (Innen-) Stadtskulptur
Rostocks zu vervollständigen, in eine für das Stadtbild typische Mauerwerksfassade gekleidet. Das Gebäude erhält drei wesentliche Öffnungen. An seiner Ost- und Westfassade lädt jeweils ein gleichwertiger Eingang mit Foyer ins Theater ein. Nach Norden zum Hafen und mit Blick auf die Unterwarnow wird für das Gebäude eine große Fensteröffnung vorgeschlagen. Im Süden kann die Zulieferung erfolgen.

Die beiden Foyers, die die beiden Bühnen erschließen werden miteinander verbunden und
bilden mit den öffentlichen Galerien in den Obergeschossen einen Bereich, der als Empfangsraum und Ort der Kontemplation für Theater und Stadtbesucher dient. Es entsteht ein zusammenhängendes Raumsystem mit Außenbezug und mit dem Bezug zum Hafenareal: ein Zuschauerrang für eine dritte Bühne – die Hafenbühne.

Quartierserweiterung
Das Theater sowie die beiden Stadtblöcke ergänzen den östlichen historischen Stadtring und
die vorhandene Stadtsilhouette.

Im Süden vervollständigt ein Blockgebäude mit differenzierter Höhenabwicklung die Lange
Straße. Als Vis-á-vis zum Radisson Blu entsteht ein angemessener Auftakt für diese
bedeutungsvolle Magistrale. Das mulitfunktionale Gebäudevolumen erhält eine aktive
Erdgeschosszone und vermittelt zwischen den Geländeniveaus (an der Oberkante). Über einen Aufzug bietet es einen innenliegenden barrierefreien Übergang von der Innenstadt zum Hafen. Zu dessen Ostseite bildet es gemeinsam mit dem Haus der Schifffahrt den „Balkon über dem Bussebart“. Er ist Auftakt des neuen Systems aus Plätzen und Gassen als Verbindung der Langen Straße mit dem Hafenareal. Eine großzügige Freitreppe vermittelt zwischen dem „Balkon“ und der Fischerstraße.

Östlich der Fischerstraße schließt in direkter Nachbarschaft zum neuen Theater ein weiteres
Blockgebäude an. Auch dieses hat eine differenzierte Höhenabfolge und zur Fischerstraße hin eine aktive Erdgeschosszone. Überdies sind seine unteren 4 Geschosse Parkhausetagen mit einer Zufahrt über die verlängerte Fischerstraße. Die oberen Geschosse sind vornehmlich hybrider und Wohnnutzungen gewidmet.

Freiraumzug an der Unteren Warnow
Die Verortung des Theaterneubaus und des Erweiterungsquartiers südlich der L22 auf dem
Bussebart ermöglicht es, das Hafenareal von Bebauung frei zu halten. Diese einzigartige urbane Qualität Rostocks im Zentrum der Stadt muss erhalten bleiben und weiter qualifiziert werden.

In diesem Zusammenhang schlagen wir entlang der L22 – am Warnowufer und Am Strande – vor, ein Band aus intensiven Freiraumelementen zu entwickeln. Unter Baumhainen werden eine Reihe von Spiel- und Sportflächen, ein Biergarten, eine Strandbar und weitere Flächen für Aussengastronomie angeboten. Vor dem Theaterneubau - auf der Hafenbühne - bietet eine Sammlung von Sitz- und Liegemöbeln die Gelegenheit dem städtischen Hafentreiben zuzuschauen. Zu Zeiten von Großveranstaltungen bieten diese Bereiche Rückzugsmöglichkeiten und Verweilräume.

Großzügige Fußgängerüberwege, vornehmlich an den bereits bestehenden Positionen (über
Lichtsignalanlagen gesteuert) erscheinen als die sinnvollste und kostengünstigste Möglichkeit einer engmaschigen Verknüpfung von Bussebart und Hafen und damit der Innenstadt mit dem Warnowufer.

Einbindung der L22
Der L22 und ihrer Einbindung in das städtische Gefüge wird eine Schlüsselrolle in der
Aufgabenstellung beigemessen. Zu ihrer Aktivierung und Attraktivierung erscheint der Standort des Theaterneubaus direkt an der Straße optimal. Das Theater ist über die L22 hervorragend erschlossen und die L22 erlebt durch dieses prominente Gebäude einen Anknüpfungspunkt ans Zentrum der Stadt. Eine weitere programmatische Bereicherung erhält die L22 über die Verortung der Busterminals zwischen Strandstraße und Am Strande in direkter Nachbarschaft zum Osteingang des Theaters und am Hauptfußgängerüberweg über die L22. Nicht zuletzt die neuen Spiel- und Sportnutzungen unter den Hainen werden die L22 in eine gleichbleibend leistungsfähige aber hochwertige Stadtpromenade verwandeln, die Ihrer Nachbarschaft zur Rostocker Hafenumgebung gerecht wird.

Beurteilung durch das Preisgericht

Die Arbeit überrascht mit einer unerwarteten jedoch mutigen Setzung des Theaters integriert in den neuen Stadtraum seitlich der L22 direkt am Hafenmarkt. Durch den Theaterneubau an diesem Ort wird eine wichtige Lücke des Stadtgrundrisses signifikant besetzt und ein tragfähiger Attraktions- wie Ankerpunkt für die intendierte Stadtreparatur in diesem Quadranten geschaffen. Inwieweit jedoch der durch den Neubau bedingte Größen- und Strukturwechsel als integrierter Teil des Stadtgrundrisses gut lösbar sein wird, wird lebhaft diskutiert.

Die Anbindung an die Lange Straße erfolgt freiräumlich einladend und funktional schlüssig in einer atmosphärisch spannendorganisierten Abfolge von Platz und Straßenräumen. Der Stadthafen bleibt in seiner vollen Größe weiterhin uneingeschränkt für die flexible Bespielung offen.

Die geforderten Busparkplätze sind stadträumlich und funktional gut angeordnet. Die städtebauliche Angliederung an den Bussebart knüpft im Grundriss stimmig an die umgebende Körnigkeit an. Fragwürdig ist allerdings die Höhenentwicklung mit einem neuen Hochpunkt am Ende der Lange Straße.

Die an sich sympathische Kompaktheit des Konzepts bedingt allerdings schon jetzt in der städtebaulichen Ebene starke Vorgaben und Beschränkungen für ihre zukünftige Entwicklung des Theaters. Der Dialog zwischen kleinteiliger Körnigkeit, dem eher großmaßstäblichen Programm des Theaters und der Frage nach einer besonderen Signifikanz wird besonderes architektonisches Können erfordern.

Die vorgestellte Erschließung erscheint eng und wird mit Blick auf die angrenzende Wohnnutzung intensive Diskussion auslösen.

So lässt sich die Arbeit zusammenfassend als ein interessanter wie spannungsvoller Beitrag bewerten, der jedoch in der weiteren Durcharbeitung besonders stadträumliche Aufmerksamkeit erfordern werden wird.